Rückblick: KN-Talk „Recruiting im Mittelstand“

Recruiting im Mittelstand

Der Fachkräftemangel ist längst im Alltag des Mittelstands angekommen. Wie Unternehmen heute erfolgreich rekrutieren, Mitarbeitende binden und Potenziale besser nutzen können, stand im Mittelpunkt des KN‑Talks „Recruiting im Mittelstand“, zu dem die Kieler Nachrichten am 15. April 2026 ins Steigenberger Conti Hansa eingeladen hatte. Wir haben den KN‑Talk als Partner gemeinsam mit weiteren Akteuren unterstützt und den Austausch zwischen Wirtschaft, Institutionen und Fachöffentlichkeit begleitet.

Unter der Moderation von KN‑Wirtschaftsreporter Ulrich Metschies diskutierten Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Bildung und Personalpraxis über Herausforderungen, Lösungsansätze und Best Practices der Fachkräftegewinnung. Teilnehmende Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner waren Christin Heinz (Personalleiterin, Bäckerei Günther GmbH & Co. KG), Heike Leise (Geschäftsführerin, ennit GmbH), Anna Wolbert (Leiterin Recruiting Center, UKSH) sowie Axel Sarnow (Teamleiter Aus- und Weiterbildung, IHK zu Kiel).

Fachkräftemangel ist Gegenwart – nicht Zukunft

Gleich zu Beginn machte Axel Sarnow deutlich: Der Fachkräftemangel ist kein Szenario von morgen, sondern Realität." Laut dem IHK‑Fachkräftemonitor fehlen in Schleswig‑Holstein derzeit rund 55.000 Fachkräfte, bis 2035 könnten es sogar 97.000 werden. Besonders betroffen sind praktische Berufe – vom Handwerk über Pflege und Logistik bis hin zur Gastronomie.

Zugleich verdeutlichte Sarnow, dass der demografische Wandel den Arbeitsmarkt spürbar verändern wird: In den kommenden zehn Jahren scheidet etwa jede siebte beschäftigte Person altersbedingt aus dem Erwerbsleben aus. Umso wichtiger sei es, bestehende Mitarbeitende im Unternehmen zu halten, und ihre Potenziale bestmöglich zu fördern.


Schnell, niedrigschwellig und persönlich: Recruiting in der Praxis

Wie erfolgreiches Recruiting konkret aussehen kann, zeigte unter anderem die Bäckerei Günther aus Kiel. Personalleiterin Christin Heinz betonte die Bedeutung von Tempo und persönlichem Kontakt:

Bewerberinnen und Bewerber erhalten bei uns häufig bereits innerhalb von ein bis zwei Tagen eine Rückmeldung – oft sogar einen persönlichen Anruf. Das signalisiert Wertschätzung und sorgt dafür, dass wir als Arbeitgeber positiv in Erinnerung bleiben."

Darüber hinaus setzt das Unternehmen auf authentische Einblicke: Schnuppertage, klare Werte und Mitarbeitende als Markenbotschafter stärken die Arbeitgebermarke. Gleichzeitig engagiert sich die Bäckerei Günther gezielt in der Gewinnung und Entwicklung von Fachkräften mit Migrationshintergrund und zeigt, welches Potenzial in vielfältigen Lebensläufen steckt. Sprachliche Hürden werden dabei nicht als Ausschlusskriterium verstanden, sondern als Entwicklungschance. So entwickelte sich etwa eine Mitarbeiterin, die anfangs kaum Deutsch sprach, innerhalb weniger Jahre weiter und übernimmt heute im Jobsharing die Leitung eines Bistros.


Bewerbung unkompliziert denken – auch analog

Ein wiederkehrendes Thema des Abends war der Abbau von Hürden im Bewerbungsprozess. Einigkeit bestand darin: Je einfacher und niedrigschwelliger der Einstieg, desto besser die Chancen, passende Bewerbende zu erreichen. Sowohl die Bäckerei Günther als auch das UKSH haben daher zeitgemäße Bewerbungsverfahren etabliert, die bewusst auf unnötige Formalitäten verzichten.

Beim UKSH reichen häufig bereits ein Lebenslauf oder wenige Angaben aus – ein Ansatz, der insbesondere vor dem Hintergrund veränderter Nutzungsgewohnheiten überzeugt. „Rund 75 Prozent der Bewerbenden lesen Stellenanzeigen mobil", so Anna Wolbert. Entsprechend müssten Ausschreibungstexte kurz, klar und verständlich sein.

Zunehmend an Bedeutung gewinnen auch alternative Wege der Kontaktaufnahme: Bei der ennit GmbH sind Bewerbungen beispielsweise per WhatsApp möglich, Matching‑Plattformen wie broodi setzen ganz auf den direkten Austausch zwischen Unternehmen und jungen Talenten. Nach Einschätzung von Julia Brenner (broodi GmbH) empfinden viele junge Menschen klassische Bewerbungsprozesse als zu langsam und nicht mehr zeitgemäß.

Trotz aller Digitalisierung betonten die Unternehmen zugleich die Bedeutung von Offenheit: Sowohl das UKSH als auch die Bäckerei Günther akzeptieren Bewerbungen weiterhin nicht nur digital, sondern auch in Papierform. Denn zeitgemäßes Recruiting bedeutet vor allem eines – unterschiedliche Zielgruppen dort abzuholen, wo sie stehen.

 

Haltung, Führung und Gesamtpaket zählen

Neben Prozessen ging es in der Diskussion immer wieder um die innere Haltung von Unternehmen. Heike Leise machte deutlich:

Recruiting bedeutet mehr als das Besetzen offener Stellen. Es gehe darum, Menschen zu finden, die ein Unternehmen langfristig weiterbringen – fachlich wie kulturell. Praktische Aufgaben im Auswahlprozess helfen, Potenziale sichtbar zu machen."

Einigkeit herrschte zudem darüber, dass Bezahlung allein nicht ausreicht. Benefits, Flexibilität, klare Führung und ein wertschätzendes Miteinander sind entscheidende Faktoren für Zufriedenheit und Bindung. Oder wie es Leise treffend zusammenfasste: Die beste Fachkräftesicherung ist, dafür zu sorgen, dass gute Leute nicht gehen.


Orientierung schaffen und Chancen eröffnen

Besondere Aufmerksamkeit erhielt auch die Situation junger Menschen am Übergang von Schule und Beruf. Rund zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein verlassen die Schule ohne ersten allgemeinbildenden Abschluss, viele weitere wissen nicht, welche beruflichen Möglichkeiten ihnen offenstehen. Programme zur Einstiegsqualifizierung, längere Kennenlernphasen oder Plattformen wie Broodi, die Talente und Unternehmen ohne klassische Bewerbung zusammenbringen, können hier neue Wege eröffnen.


Fazit: Offenheit und Mut als Schlüssel zum Erfolg

Der KN-Talk machte deutlich: Erfolgreiches Recruiting im Mittelstand erfordert Offenheit, Mut zur Veränderung und ehrliches Interesse an Menschen. Wer Prozesse vereinfacht, Werte lebt und Mitarbeitende ernst nimmt, schafft nicht nur neue Zugänge zu Fachkräften, sondern stärkt zugleich die eigene Unternehmenskultur.

Wir bedanken uns bei den Kieler Nachrichten für die Organisation des Abends sowie bei allen Mitwirkenden und Gästen für den offenen Austausch. Die Impulse des Abends zeigen eindrucksvoll: Gute Lösungen entstehen dort, wo Dialog, Praxis und neue Perspektiven zusammenkommen.

Weitere Impressionen

© Fotos: Gunnar Dethlefsen (i.A. Kieler Nachrichten)


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